Wöhrl beantragt Schutzschirmverfahren

vom 06.09.2016

Nürnberger Modefilialist soll drastisch saniert werden

Das Nürnberger Modehaus Wöhrl hat die Sanierung im Rahmen eines Schutzschirmverfahrens beantragt, um die Insolvenz zu vermeiden. Außer für die Rudolf Wöhrl AG als Obergesellschaft der Wöhrl-Gruppe wird auch für die 100-prozentige Tochtergesellschaft Rudolf Wöhrl, das Haus der Markenkleidung GmbH & Co. KG, Nürnberg, die Eröffnung des Schutzschirmverfahrens beantragt. In dieser Gesellschaft befinden sich 15 der bundesweit insgesamt 34 Wöhrl-Standorte.

Der Schutzschirm eröffnet die Möglichkeit, innerhalb von drei Monaten die Sanierung der Gruppe über einen Sanierungsplan vorzubereiten. In dieser Phase ist das Unternehmen vor Zwangsmaßnahmen der Gläubiger geschützt und weiterhin voll handlungsfähig. Der Vorstand bleibt im Amt und führt die Sanierung in Eigenverwaltung durch. Ein vom Gericht zu bestimmender Sachwalter hat die Aufgabe, die Einhaltung der insolvenzrechtlichen Vorschriften in dem Verfahren zu überwachen.

Die operativen Geschäfte in den 34 Modehäusern der Wöhrl-Gruppe sollen während des Verfahrens ohne Einschränkungen weiterlaufen. Die Warenversorgung werde durch entsprechende Übereinkünfte mit den Warenkreditversicherern gewährleistet, teilte das Unternehmen mit. Die Wöhrl-Gruppe beschäftigt derzeit knapp 2000 Mitarbeiter.

Vor dem Hintergrund des negativen Trends im deutschen Textileinzelhandel, des veränderten Kaufverhaltens der Verbraucher und einer anhaltend negativen Umsatz- und Ertragsentwicklung hatte Wöhrl bereits im Januar 2016 ein Restrukturierungsprogramm in die Wege geleitet. Es habe sich – vor allem bei den Arbeiten für den vorläufigen Jahresabschluss 2015/16 – gezeigt, dass diese Maßnahmen verstärkt und beschleunigt werden müssten, um die Gruppe nachhaltig in die Profitabilität zurückzuführen, heißt es. Die Nutzung des Schutzschirmverfahrens biete dazu die Möglichkeit.

Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2015/2016 (1. August bis 31. Juli) geht der Vorstand nach vorläufigen Berechnungen von einem weiteren Rückgang des Konzernumsatzes auf ca. 300 Millionen Euro aus (2014/2015: 316,2 Mio. Euro). Der Jahresfehlbetrag wird voraussichtlich höher ausfallen als im Vorjahr (1,0 Mio. Euro), teilweise durch ein schwächeres operatives Geschäft, teilweise durch geringer als geplant vereinnahmte Sondererträge.

Zur Umsetzung der Restrukturierung wurden personelle Veränderungen in den Unternehmensgremien beschlossen: Der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Andreas E. Mach wurde mit sofortiger Wirkung zum neuen Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft bestellt. Der bisherige Vorstandsvorsitzende Olivier Wöhrl ist im Vorstand in der neu geschaffenen Funktion des Chief Strategic Officer unverändert verantwortlich für die strategische Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. Darüber hinaus bestellte der Aufsichtsrat Rechtsanwalt Dr. Christian Gerloff zum Vorstandsmitglied und Chief Restructuring Officer (CRO). Er ist Partner der Kanzlei Gerloff Liebler Rechtsanwälte in München, die das Schutzschirmverfahren mit vorbereitet hat und über langjährige Erfahrungen in der Modebranche verfügt (u.a. Escada, Rena Lange).

Zur Stärkung der Kapitalbasis läuft für die Rudolf Wöhrl AG derzeit eine strukturierte Investorensuche. Die Eigentümerfamilie Gerhard Wöhrl hat in diesem Zusammenhang ihre Bereitschaft zu einer unternehmerischen Partnerschaft erklärt, gegebenenfalls auch als Minderheitsgesellschafter.

Das Portfolio aus 34 Filialen in Ost- und Süddeutschland wird derzeit dahingehend geprüft, welche Standorte langfristiges Wachstums- und Ertragspotenzial haben. Defizitäre Filialen ohne solches Potenzial werden zeitnah geschlossen. Zudem prüft der Vorstand am Standort Nürnberg den Umzug und die Verkleinerung der Hauptverwaltung sowie die Restrukturierung der in eine Gesellschaft ausgelagerten Logistik, um Kosten zu reduzieren und Prozesse zu vereinfachen.

Wöhrl will künftig mit starken Modemarken die Sortimentsstruktur in den Filialen attraktiver gestalten und die Maßnahmen zur Kundenbindung verstärken. Anspruch ist, an jedem Standort zu den ersten drei Adressen im Bekleidungshandel zu gehören. Von strategisch zentraler Bedeutung ist dabei die konsequentere Nutzung der Chancen, die die Digitalisierung dem Modehandel bietet. Wöhrl soll sich durch den Ausbau des Online-Geschäfts vom stationären Einzelhändler zum integrierten Multichannel-Anbieter entwickeln.