Studie: 13.000 Unternehmen in Textilindustrie gefährdet

vom 29.07.2020

Euler Hermes sieht jeden zwölften Arbeitsplatz in der Branche in Gefahr

Die Umsätze der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie dürften im Jahr 2020 im Zuge der Covid-19-Pandemie um voraussichtlich 19 Prozent einbrechen. Hauptgründe sind die wohl beispiellose Unterbrechung des Handels, der Produktion und des Einzelhandels, gefolgt von einer großen Wirtschaftskrise, durch die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Länder der Eurozone um voraussichtlich 9 Prozent schrumpft. Das hat nach einer Analyse des Kreditversicherers Euler Hermes spürbare Folgen für Arbeitsplätze und die Existenz zahlreicher Unternehmen.

Auslese: Nicht alle werden es schaffen, 13.000 Unternehmen und 158.000 Jobs gefährdet

„Nicht alle Unternehmen werden es schaffen, sich durch die Krise zu retten", sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Wir gehen davon aus, dass trotz der zahlreichen Unterstützungsmaßnahmen etwa 13.000 Unternehmen in Europa bis Ende 2021 verschwinden und damit rund 158.000 Jobs in der europäischen Textilindustrie in Gefahr sein dürften. Damit kommt die Covid-19-Pandemie auch in der Herstellung an – im textilen Einzelhandel hat sie längst ihren Tribut gefordert, mit vielen großen Insolvenzen bereits im ersten Halbjahr 2020."

Das entspricht in etwa 8 Prozent der Gesamtbeschäftigung in der Industrie und 6 Prozent der Unternehmen in Europa. Der Anteil der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) am Gesamtumsatz der europäischen Textilindustrie ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes, was sie insgesamt anfälliger macht.

„Wir gehen aber davon aus, dass sich der Umsatz der Branche im Jahr 2021 wieder etwas erholt und um etwa +15 Prozent zulegen dürfte", sagt Aurélien Duthoit, Branchenexperte bei der Euler Hermes-Gruppe. „An das Vorkrisenniveau dürfte er aber wohl nicht vor 2023 anknüpfen – vorausgesetzt, dass es zu keiner zweiten Welle kommt, sich die Situation mit Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen allmählich normalisiert und die Wirtschaft weiterhin finanziell und monetär erheblich unterstützt wird."

Deutschland: Textilhersteller kommen glimpflicher davon als in Nachbarstaaten

In Deutschland dürften die Umsatzeinbußen mit -12 Prozent im Jahr 2020 geringer ausfallen als beispielsweise in Italien (-22%) oder Frankreich (-17%). Die Gründe dafür sind zum einen der wesentlich kürzere und weniger strikte Lockdown und die vergleichsweise schnellere Wiedereröffnung der textilen Einzelhandelsgeschäfte. Zum anderen spielt aber auch der höhere Anteil an industrieller Textilherstellung eine Rolle. Durch die stärkere Diversifizierung und zahlreiche Nischenhersteller ist die Abhängigkeit vom textilen Einzelhandel hierzulande etwas geringer.

„Nichtsdestotrotz ist die Abhängigkeit der Textilhersteller vom Einzelhandel und Konsum auch in Deutschland nicht unerheblich", sagt Van het Hof. „Viele Unternehmen im textilen Einzelhandel hängen seit Jahren am seidenen Faden. Es überrascht daher wenig, dass dort im ersten Halbjahr 2020 überproportional viele Unternehmen die Segel streichen mussten – mit drastischen Auswirkungen auf die Lieferketten. Mit den Aussichten, dass sich möglicherweise längerfristiger ein Plateau bei 80 bis 90 Prozent der normalen Umsätze bilden könnte, werden dies nicht die letzten gewesen sein. Viele Unternehmen sind Spitz auf Knopf finanziert und erzielen nur geringe Margen – da reicht ein solches Niveau nicht aus, wenn es länger anhält."