27.04.2017 Hamburg: CEO Lewin Berner von Sioux Foto: Moritz Küstner für DB Mobil

6 Fragen an Sioux-Chef Lewin Berner

6 Fragen an Sioux-Chef Lewin Berner

Wir haben mit Sioux-Geschäftsführer Lewin Berner über die aktuelle Situation in der Coronakrise gesprochen.

SHOEZ: Wie gehen Sie mit der derzeitigen Corona-Krise um? Welche Entwicklungen erwarten Sie?

Berner: Zunächst: Die Corona-Krise trifft bekanntlich unsere Branche, die bereits in den letzten Jahren schwierige Rahmenbedingungen hatte, sehr hart. Es ist zu erwarten, dass diese Krise nicht nur den Strukturwandel befeuert, sondern auch gesunde Geschäftsmodelle gefährdet. Intern war unsere Haltung immer: „Wir haben weniger Angst vor dem Erreger als vor den Erregten.“ Und nun ist genau das eingetreten: Die Presse hat Panik geschürt, die Regierenden wurden vor ihr hergetrieben und das hat zu immer größeren Verbots- und Einschränkungsorgien seit Gründung der Republik geführt.

Die Krise wirkt sich zweifelsohne stark negativ auf die Angebots- und Nachfrageseite gleichzeitig aus und hat durch diesen Dopplereffekt aktuell kaum vorhersagbare Folgewirkungen. Jedenfalls ist das Konsumentenvertrauen tief erschüttert. Im Moment überwiegen in vielen Arbeitnehmerhaushalten Arbeitsplatzsorge und Kurzarbeitsblues. Wir erwarten in den nächsten zwölf Monaten daher Rückgänge im Markt auf Herstellerseite zwischen 20 und 30 Prozent und erst eine teilweise Stabilisierung in 12 bis 18 Monaten.

Die Zusagen vom 13. März von Minister Altmaier und seinem Ministerkollegen haben sich im Nachhinein eher als die phantastische Geschichte von „Peterchens Mondfahrt“ denn als eine realistische Einschätzung der wirtschaftlichen Zukunftsaussichten entpuppt. Selbst wenn es der Regierung gelingen sollte, die Wirtschaft mit Abermilliarden an Geldmitteln kurzfristig zu stabilisieren, wird in der nächsten Legislaturperiode massiv Kaufkraft durch höhere Steuern und Abgaben aus der Mittelschicht abgeschöpft werden müssen. Das fehlt natürlich für Konsumausgaben. Wir können und müssen uns also alle leider alle warm anziehen.

SHOEZ: Wie schätzen Sie die Situation des stationären Handels nach dem Lockdown ein?

Berner: Wir versuchen als Sioux den Handel so gut wir es können zu unterstützen, aber die mindestens fünf Wochen Lockdown, der ja teilweise in Bayern und für Großflächenformate ohnehin noch andauert, wird, so unsere Befürchtung, irreparable Schäden in unserer Handelslandschaft hinterlassen. Es sind nach dem Lockdown durchaus gemischte Nachrichten, die wir hören: Wir erleben überwiegend viel Not und Elend. Aber teilweise auch optimistischere Händler, die nun Ware nachziehen und auf eine recht starke erste Woche zurückblicken. Metropollagen und Flächen in Shopping Malls scheinen dabei kaum Frequenz zu erfahren, deutlich besser ergeht es Spezialisten und Nahversorgern, insbesondere in den eher kleinstädtischen und ländlichen Gegenden. Kinder- und Damenschuhe wurden stärker nachgefragt. Wir hoffen natürlich sehr, dass das Verbrauchervertrauen wieder wächst, wenn die apokalyptischen Meldungen aus den Medien abebben.

SHOEZ: Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf? Was ist das drückendste Problem?

Berner: Das erste Problem ist natürlich, dass der Handel auf sehr viel saisonaler Ware sitzt. Die Hersteller übrigens auch. Die Saison hat bekanntlich nicht mehr genug Monate, um diese Bestände zu vernünftigen Preisen abzuschleusen. Eine Lösung kann nur darin liegen, dass Teile der Ware eingemottet und durchfinanziert werden bis ins nächste Jahr hinein. Da sind wir dann schon beim zweiten Problem: Wer soll das finanzieren? Wie befürchtet, werden viele Mittelständler und kleinere Betriebe bei den KfW-Programmen leer ausgehen. Es gibt zwei wesentliche Hürden, nämlich dass das Eigenkapital im Wesentlichen intakt sein muss und 2019 bzw. im Schnitt der letzten drei Jahre Geld verdient worden sein muss. Diese Hürden, die kumulativ erfüllt sein müssen, sind für unsere Branche, die viel Kummer gewohnt ist, einfach sehr hoch. Hinzu kommt, dass man beim Schnellkredit mindestens zehn Vollzeitkräfte vorweisen muss. Die Bundesregierung sagt recht offen, dass sie Unternehmen, die sich bereits vor Corona in einer Sanierungsphase befanden, nicht retten will. Das ist natürlich etwas widersinnig: Denn auch Firmen mit Ertragsproblemen bereichern die Innenstädte und schaffen Arbeitsplätze. Schließlich wird es auch etliche Unternehmen geben, die zwar ihre Restrukturierung bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben, aber deren Vorjahres-Bilanzen dadurch belastet wurden. Auch diese werden wahrscheinlich leer ausgehen. Für unsere Branche ist die selektive Rettungspolitik der Bundesregierung jedenfalls besonders nachteilig. Man kann nur hoffen, dass hier noch nachgebessert wird.

SHOEZ: Was halten Sie von Vorschlägen, den Saisonrhythmus nach hinten zu verschieben? Wenn ja, um welchen Zeitraum?

Berner: Wir sind zu 100 Prozent dafür. Zu lange schon wird das Thema diskutiert und es bestand eigentlich seit Jahren Handlungsbedarf. Aber der Organisationsgrad der Marktteilnehmer ist niedrig und der Kooperationswille gering. Es gab in der Vergangenheit zu viele widerstreitenden Interessen. Denn: Wenn alle Hersteller später ausliefern, aber einer seine Auslieferungen vorzieht und mit einer Kreditierung lockt, so kann er seinen Wettbewerbern ein Schnippchen schlagen. Ich hoffe, dass die jetzt herrschende Not die Branche zur erforderlichen Disziplin zwingt, gedeihlich zusammenzuarbeiten. Das ist eine echte Chance, die wir alle gemeinsam nutzen sollten. Wir würden gerne den Turnus vier bis sechs Wochen nach hinten schieben, angefangen von den Orderterminen bis zur Auslieferung. Alles muss im gleichen Maße in einen neuen Rhythmus verschoben werden. Einen Nutzen haben übrigens alle davon: der Handel und die Industrie. Und vor allem auch der Verbraucher: Er bekommt ein aktuelleres und bedarfsgerechteres Warenbild.

SHOEZ: Welchen Einfluss hat Corona auf die kommende Herbst-/Winterkollektion?

Berner: Wir bieten unseren Kunden an, die Liefertermine ‒ wenn gewünscht ‒ um vier bis sechs Wochen zu verschieben. Die Resonanz ist positiv, denn durch den Lockdown fehlt genau dieser Zeitraum für den Verkauf der Frühjahr/Sommer-Ware. So können wir den Warenfluss für den Händler entzerren, seine Lagersituation entspannen und seine Liquidität schonen.

SHOEZ: Sind Ihre Lieferketten derzeit unterbrochen? Falls ja, welche Auswirkungen hat dies auf die Produktion?

Berner: Wir sind hier gleichsam wie alle anderen betroffen. Südeuropa ist im Lockdown, Indien ebenfalls. Aus China beschaffen wir als Sioux traditionell nichts. Wir werden daher die neue Saison Herbst/Winter statt im Juli erst im August unseren Handelskunden präsentieren. Also hier bereits die besagten vier bis sechs Wochen später einsteigen. Nach ersten Gesprächen mit Handelskunden trifft dies auf Verständnis und kommt auch deren Interessen entgegen.